Sternbilder: Wir lassen uns täuschen

Autor: Ulrich Beilfuß

 

 

Die Sterne über uns sind unterschiedlich weit von hier entfernt. Das können wir so aber nicht erkennen, weil unsere Augen das Firmament nur zweidimensional abbilden, nämlich als Fläche einer Halbkugel. Unsere Wahrnehmung täuscht uns vor, dass alle Sterne gleichen Abstand von uns hätten. Wir nehmen deshalb die Sternbilder wie Zeichnungen auf einem Blatt Papier wahr. Wir glauben sogar, dass die Sterne einer Himmelsfigur eine kosmische Einheit bilden und in bedeutungsvoller Beziehung zueinander stünden.

Dass wir hier einer optischen Täuschung erliegen, lässt sich am Beispiel der „Cassiopeia“ zeigen. Das große Himmels-W steht jetzt hoch über uns, wie ein platter Blockbuchstabe ans Firmament geschrieben.

Doch reisen einmal zum Himmels-W, in Gedanken und mit Lichtgeschwindigkeit! Zuerst zum Eckstern oben rechts. Bis dorthin sind wir gemäß astronomischer Entfernungsmessung 55 Jahre unterwegs. Wäre aber der linke Nachbarstern unser Ziel gewesen, hätten wir gut viermal so lange reisen müssen, nämlich 230 Jahre. Doch es wird noch eindrucksvoller: Zum mittleren Stern der Cassiopeia würde die Reisezeit sogar 550 Jahre betragen. Der ist also zehnmal so weit entfernt wie unser erstes Reiseziel. Der obere rechte Eckstern des Himmels-W ist unserer Erde also viel näher als anderen Sonnen seines Sternbildes.

Wenn wir die Sternbilder in ihrer räumlichen Struktur wahrnehmen könnten, würden wir die meisten uns vertrauten Himmelsfiguren überhaupt nicht wiedererkennen. Doch dieses Wissen sollte keineswegs verhindern, uns weiterhin an den Sternbildern zu erfreuen.